Entscheidungen treffen ohne Gewinner und Verlierer? - Das Systemische Konsensieren

21.03.2022
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von Martina Klein

Ich erinnere mich an Situationen, in denen ich enttäuscht war, wenn eine Abstimmung nicht so ausging, wie ich es mir gewünscht hätte. Es gibt einem das Gefühl, zu den Verlierern zu gehören, besonders dann, wenn diejenigen, die die Mehrheit bilden sich siegesbewusst freuen. Ich kenne aber auch die andere Seite, wenn die Abstimmung nach meinen Wünschen verlief. Doch auch dieses ist manchmal getrübt, wenn sich bei der Umsetzung des Beschlusses zeigt, dass die Widerstände derer, die es anders wollten, so groß ist, dass das Ganze nicht vorangeht oder mit schlechter Laune verbunden ist, die alle anderen demotiviert. Ein typisches Problem, wenn es bei Abstimmungen Sieger und Verlierer gibt.

Widerstand ist wertvoll

In der Aktiven Projekt-Schule Stephanskirchen habe ich das Systemische Konsensieren kennengelernt, eine Methode, mit der in einer Gruppe ein Konsens gesucht wird, bei dem es möglichst wenig Widerstände und somit keine Gewinner und Verlierer gibt.

In der Unterrichtsstunde ging darum, zwei bedeutende Persönlichkeiten auszusuchen, deren Vita als Gemeinschaftsprojekte von den Klassen 5-8 sowie 9-10 im kommenden Schulhalbjahr bearbeitet werden soll. Alle Lernenden waren dafür in der Aula versammelt. Als erstes wurde ein Buchstabe festgelegt. Als Gast hatte ich die Ehre, hierbei mitzuwirken. Es wurde das „L“ gelost. Danach sollte jede*r für sich alleine auf einem Blatt so viele Persönlichkeiten wie möglich notieren, deren Vor- oder Nachname mit „L“ beginnen und am Ende die interessantesten einkreisen. Im nächsten Schritt wurden im Plenum Namen gesammelt, wobei noch geprüft wurde, ob sie auf die Kriterien erfüllen, um auf die Liste zu kommen. Letztendlich sollten zwanzig Persönlichkeiten zur Auswahl stehen.

Ich kenne es in der Regel so, dass nach einer Diskussion um das Für und Wider einzelner Möglichkeiten nach der Mehrheitsregel abgestimmt wird. Beim Meinungsbildungsprozess dominieren oft die Selbstbewussten mit der besten Rhetorik. Diejenigen, die unsicher sind und einen vielleicht auch unbestimmten Zweifel hegen, schweigen eher.

Doch nicht so in Stephanskirchen. Hier wird davon ausgegangen, dass alle Vorschläge grundsätzlich gut sind. Daher wird geschaut, für welchen es die geringste Gegenwehr gibt. Denn, so die Stellvertretende Schulleitung Angelika Thomas–Photiadis, wenn nach der Mehrheitsregel entschieden wird, werden diejenigen nicht berücksichtigt, die einen Widerstand empfinden und in Stephanskirchen gilt Widerstand als wertvoll und ist willkommen. Daher wird systemisch konsensiert, weil damit die unterschiedlichen Werte, Wünsche, Gefühle und Bedürfnisse aller zum Ausdruck kommen.

Wie funktioniert das Systemische Konsensieren?

Für jede, der genannten Persönlichkeiten gibt jede*r Lernende in einer Tabelle den Grad seines Widerstands an. Null bedeutet kein Widerstand, acht ist der größte Widerstand. Die Acht darf nur zweimal, die Sieben nur dreimal verwendet werden. Die Abstimmung findet online statt, was die Auswertung einfach macht. Die Persönlichkeiten mit den wenigsten Punkten werden genommen. Auf diese Weise wurde von den Jüngeren Astrid Lindgren und von den Älteren General Ludendorff gewählt.

Der Weg des geringsten Widerstands

Das Systemische Konsensieren geht den Weg des geringsten Widerstands, weil beim Entscheidungsprozess auch Gefühle anerkannt werden und die Meinungsbildung nicht nur den lauteren Stimmen überlassen wird, die denken und glauben, dass sie es am besten wüssten. Je weniger ein Vorschlag von der Gruppe abgelehnt wird, desto mehr Bedürfnisse werden berücksichtigt. Dies führt zu einer höheren Akzeptanz in der Gruppe.

Ein Team, viele Meinungen

Mich bringt das auch grundsätzlich zu den Fragen: Wie können wir Macht verteilen? Wie können wir für die Lösung eines Problems mehrere Optionen eröffnen? Wie können wir sicherstellen, dass alle einen Beitrag leisten können? Wie können wir sicherstellen, dass die Lösung für die Gruppe akzeptabel ist?

Entscheidungen zu treffen, die alle in einer Gruppe zufrieden stellen, ist nicht einfach. Wir wissen, dass es nie möglich ist, es allen recht zu machen. Die Erfahrung zeigt, dass die Vermittlung eines Konsenses, der die volle Unterstützung aller Beteiligten erhält, ein zeitraubender Prozess ist, der sich in endlosen Diskussionen verzetteln kann.

Beim Systemischen Konsensieren geht es darum, gemeinsam die bestmögliche Lösung zu finden, indem die Beteiligten um ihre Einwände gebeten werden, um ihr „Nein“ zu einem Vorschlag. Dies hat einen tiefgreifenden psychologischen Einfluss darauf, wie sich Menschen gehört, geschätzt und in den Prozess einbezogen fühlen und somit darauf, wie Entscheidungen getroffen werden. Anstatt Bedenken, Ablehnung, Vorbehalte und andere Meinungen und Wahrnehmungen komplett zu ignorieren, was bei Entscheidungen durch Abwägen von Pro und Contra geschieht, nutzt das Prinzip des systemischen Konsenses diese produktiv. Das Prinzip lautet: Ich setze mich für die Lösung ein, die von den meisten mitgetragen werden kann. Damit ist das Systemische Konsensieren zugleich ein gutes Lehrstück für basisdemokratisches Lernen.

Immer wieder gibt es an Schulen Situationen, in denen das Systemische Konsensieren helfen kann, zu guten Entscheidungen zu kommen und Spannungen bei Entscheidungsprozessen zu reduzieren - sowohl in der Klasse wie im Kollegium. Probieren Sie es mal aus!

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