Auch beim Lernen gilt: Der Wurm muss dem Fisch schmecken

10.01.2022
Schule  Das Gute entfalten  Bildung  lernen 

von Martina Klein

Ich komme zunehmend ins Zweifeln, ob wir mit dem Gedanken der Konkurrenz und Leistungsbewertung, sprich: Unterrichtsstoff vermitteln – abfragen – bewerten, tatsächlich zum Lernen motivieren oder damit nicht sogar Motivation abknicken. Denn im Endeffekt führt dieser Wettbewerb oft dazu, nur „auf die Arbeit zu lernen“ und nicht  zu Begeisterung und dem Interesse, das Thema zu durchdringen. Ich finde, wir sollten zu einem spannenden und sinnvollen Lernen übergehen und Unterricht, der auf der Bewertung des Kurzzeitgedächtnisses basiert, in Unterricht verwandeln, der auf nachhaltigem Lernen basiert.

Wir alle kennen Kinder, die in der Schule Lern- und Anpassungsschwierigkeiten haben. Kinder, die schwänzen, die nicht am Unterrichtsgeschehen teilnehmen, die unkonzentriert sind und vielleicht sogar Disziplinprobleme haben. Aber dasselbe Kind kennt zum Beispiel Marke und Modell eines jeden Autos, das es auf der Straße sieht und kann Besonderheiten seines Motors erklären, weiß sogar noch den Neuwagenpreis oder es kann alle Lieder seiner Lieblingsmusikgruppe singen, ohne auch nur ein Wort des Textes zu verstehen, weil es in einer fremden Sprache ist.

An solchen Beispielen merkt man, dass diese Schüler*innen im Grunde keine Lernschwierigkeiten haben, es ist vielmehr eine Frage der Motivation. Was können wir also tun, um Schüler*innen zu motivieren?

Zu einem großen Teil sind es die Eltern, die ihre Kinder in bestimmten Bereichen fördern und sie zum Lernen motivieren. Doch es ist auch eine wichtige Aufgabe der Schule, Begeisterung und Interesse an Lerninhalten und Themen zu wecken. Dies sagen mir auch Schüler*innen, wenn ich bei Schulbesuchen die Gelegenheit habe, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. „Wenn ich weiß, wofür ich etwas lernen, wenn ich was damit anfangen kann, dann macht es mir Spaß“, sagte mir neulich ein Auszubildender am Berufsbildungswerk in Hof und er war sehr froh, dass er endlich einen Beruf gefunden hat, der ihm Spaß macht und in dem er glänzen kann. Das war vorher bei ihm nicht der Fall.

Zunehmend komme ich allerdings ins Zweifeln, ob wir mit dem Gedanken der Konkurrenz und Leistungsbewertung, sprich: Unterrichtsstoff vermitteln – abfragen – bewerten, tatsächlich zum Lernen motivieren oder damit nicht sogar Motivation abknicken. Denn im Endeffekt führt dieser Wettbewerb oft dazu, nur „auf die Arbeit zu lernen“ und nicht zu Begeisterung und dem Interesse, das Thema zu durchdringen.

Für mich ist Bildung etwas Anderes. Die Schüler*innen sollen Inhalte erforschen, Konzepte verstehen und sie erklären und anwenden können und zwar über das Kurzzeit-Memorieren hinaus, das zwar hilft, eine Prüfung zu bestehen, mit der man in unserem Bildungssystem bewertet wird. Doch was, wenn eine*r etwas länger braucht, um die Relevanz des Themas für sich zu entdecken?

Im Grunde geht es beim Lernen doch darum, Gaben zu entdecken, Fähigkeiten zu entwickeln, zum Staunen anzuregen, zu begeistern, ganz nach dem Motto: Das Gute entfalten!

Hier kommen die Lehrer*innen ins Spiel. Die Hattie-Studie zeigt, wie wichtig es ist, dass Lehrer*innen von ihrem Fach begeistert sind und leidenschaftlich unterrichten, dass sie ihre Schüler*innen anstecken und mitnehmen. Die Lehrkraft als „Activator“, die Resonanz auslöst und Schüler*innen zum selbstverantwortlichen Lernen motiviert, was auch bedeutet, die Wissensvermittlung an den tatsächlichen Interessen und Bedürfnissen der Lernenden anzupassen.

Doch Vorsicht. Das heißt nicht, dass Schüler*innen nur lernen sollen, was sie wollen. Außerdem darf das Niveau der Anforderungen in den verschiedenen Fächern ruhig hoch sein. Vielmehr geht es darum, die Lernmethodik so zu gestalten, dass das bestmögliche Lernen erreicht wird.

Ich bin der Überzeugung: Wenn wir den Unterricht an den Interessen der Schüler*innen ausrichten und der Entwicklung von menschlichen Qualitäten und lebenspraktischen sozialen und Umsetzungs-Kompetenzen Raum geben, werden auch die Leistungsfähigkeit und das Niveau der Schüler*innen steigen. Denn sie lernen Fragen zu stellen, Probleme zu lösen, sie erfahren, dass das, was sie lernen, für ihr Leben einen Sinn hat. Kinder, die frei und mit Begeisterung denken lernen, sind später kritische und partizipative Erwachsene.

Unsere Evangelischen Schulen haben es sich zur Aufgabe gemacht, junge Menschen auf ihrem Lebensweg zu begleiten, „…so dass sie ihre vielfältigen Gaben entfalten, ihre Zukunft voll Zuversicht und Selbstvertrauen gestalten und ihre Freiheit verantwortungsbewusst leben – auf der Grundlage evangelischer Werte.“  www.das-gute-entfalten.de

Es gibt also keine Ausreden mehr! Wir sollten zu einem spannenden und sinnvollen Lernen übergehen und Unterricht, der auf der Bewertung des Kurzzeitgedächtnisses basiert, in Unterricht verwandeln, der auf nachhaltigem Lernen basiert.

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